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Never judge a book by its cover… oder, was in der Gemüserei-Kiste fehlt


Vielfältiges, regional angebautes Bio-Gemüse aus der solidarischen Landwirtschaft der Gemüserei Heidelberg

Mir kommt es so vor, als tendiere man leicht dazu, die Qualität und den Reiz von Gemüsekisten vor allem nach deren Inhalt zu beurteilen. Nicht zuletzt auch nach der Menge ihres Inhalts. Verständlich irgendwie: Zunächst will man ja wissen, was in der Kiste ist, um zu beurteilen, ob sie überhaupt in Frage kommt. Mag man zum Beispiel keine Tomaten, keine Gurken und auch keine Paprika und isst man im Winter auch keinen Kohl, dann ist eine wöchentliche Gemüsekiste aus solidarischer Landwirtschaft vielleicht eben doch nicht das Richtige.[1]


Ebenso verständlich ist es, auf das Geld zu schauen. Wenn ich 50€ zahlen müsste und letztlich das ganze Jahr nur Kartoffeln und Grünkohl bekommen würde, würde ich mir vermutlich auch verar**** vorkommen.


So seltsam es auch klingen mag: Ich glaube, was in der Kiste fehlt, ist ebenso wichtig wie das, was jedem ins Auge springt. Und das, was fehlt, beeinflusst wiederum auch, welchen Preis man für angemessen hält. In jedem Fall sollte auch das Fehlende (in der Gemüsekiste) eine Rolle bei der Entscheidung spielen, ob man bei einer solidarischen Landwirtschaft mitmacht, oder nicht.


Brauner, vegetationsloser Ackerboden zwischen Folientunneln im Frühjahr, während sich weiter hinten Wasser auf dem feuchten Boden sammelt – ein Kontrast zu den begrünten Flächen der Gemüserei ohne Herbizideinsatz.
Benachbarter Acker im Frühjahr. Eigentlich ist es feucht. Man sieht es weiter hinten, wo das Wasser vom Boden nicht bzw. nur langsam aufgenommen wird. Trotzdem kein Grün. Warum nicht? Vermutlich "stört" der Bewuchs zwischen den Tunneln und wird durch Herbizid vernichtet. Wo es neben grünem Gras aussieht wie Dürre, wurde in der Regel mit Herbizid gearbeitet. Diese Mittel kommen bei uns nie (!) zum Einsatz. Der Vorteil: Pflanzen versorgen mit Wurzelausscheidungen die Bodenorganismen mit Nahrung. Insekten freue sich über Blüten und Vögel wiederum über Insekten,

So fehlt zum Beispiel der beträchtliche und negative ökologische Fußabdruck. Das Gemüse aus der Gemüserei hat keine lange Reise hinter sich. Nicht mit dem Flugzeug, nicht mit dem Schiff und auch nicht mit dem Lastwagen. Das Gemüse muss auch nicht tagelang kühl gehalten werden, um es vor dem Verderb zu schützen. Am Tag der Abholung wird es geerntet, gewaschen, in Kisten verpackt und anschließend von euch, den Mitgliedern, abgeholt.



Auch der Dünger, der nicht nur im Transport, sondern auch in der Produktion viel Energie kostet, fehlt weitestgehend. Damit fehlt auch der Schaden, den eine Überdüngung im Boden, im Grund- und damit auch im Trinkwasser anrichten kann. Das gleiche gilt auch für den Pflanzenschutz. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass ich, abgesehen von etwas Schneckenkorn, das im Ökolandbau (inkl. Demeter) zugelassen ist, bislang keine Mittel eingesetzt habe.


Ebenso fehlt die Verpackung. Keine Gurke ist in Plastik eingeschweißt, keine Karotte und kein Salatkopf sind in Plastik verpackt (mal abgesehen davon, dass es auch den Salatkopf aus Frankreich nicht gibt, wenn eigentlich gerade wunderschöne Salate aus Heidelberg geerntet werden können ;)). Was nicht in der Kiste steckt, ist der Abfall, der später in der Tonne landet, jahrzehntelang weiterbestehen und am Ende in Form von Mikroplastik den Weg in unsere Körper finden würde. 


Es fehlt auch die Gleichförmigkeit. Im Supermarkt sieht jede Tomate aus wie die nächste, als wären sie alle vom 3D-Drucker produziert. In der Gemüserei-Kiste dagegen darf ein Kürbis mal kleiner sein, ein Kohlrabi etwas angefressen, und eine Möhre darf auch mal zwei „Beine“ haben. Was nicht in der Kiste ist, ist die Vorstellung, Gemüse könne nur dann Wert haben, wenn es perfekt aussieht.


Frisch geerntete Karotten aus der Gemüserei  – regional angebautes Gemüse aus solidarischer Landwirtschaft in Heidelberg, das aussehen darf, wie es aussieht.
Boden zu schwer? Mitnichten. Zumindest hier sind keine "krummen" Möhren zu erkennen. Was man nicht sieht: den Geschmack, der nichts mit den übergroßen, nach nichts schmeckenden Möhren aus dem Kilo-Sack zu tun hat. Zuckersüß sind die Möhren insbesondere im Frühjahr, da die Wurzeln über Winter mehr Zucker einlagern.

Und schließlich fehlt auch die Unsichtbarkeit der Arbeit. In anonymen Lieferketten weiß niemand, wer die Lebensmittel angebaut hat. In der Gemüserei aber kennt ihr die Hände, die gesät, geerntet und verpackt haben. Was sich nicht in der Kiste befindet, ist das Gefühl von Austauschbarkeit. Stattdessen steckt darin Beziehung – zwischen euch, dem Boden, und uns, die das Gemüse anbauen. Am Ende zeigt sich: Was fehlt, macht die Kiste genauso aus, wie das, was drin liegt. Was fehlt, ist somit alles andere als ein Verlust. Im Gegenteil: Es ist ein Zugewinn. Ein Gewinn an Wert für Boden, Klima und für euch. Solltest du also noch kein Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft sein, lohnt es sich, das so schnell wie möglich zu ändern ;)


Mehr Infos findet ihr auf unserer Homepage. Hier gibt es unter anderem Infos zum Anbau und zu unserer Philosophie.


risches Gemüse aus solidarischer Landwirtschaft in Heidelberg schafft direkte Verbindung zwischen Erzeuger und Verbraucher*innen



[1] Obgleich schon der ein oder die andere durch das erntefrische Gemüse in der Kiste auf den Geschmack von so manchen Gemüse-Sorten gekommen ist. Auch, wenn diese vorher nicht so hoch im Kurs waren.

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